Freitag, 20. Februar 2026

Das Schlauchhaus (Architektur Teil 6)

Nach all den Stilstudien muss ich jetzt mal auf die Grundprinzipien des Vietnamesischen Bauens eingehen: Das Vietnamesische Schlauchhaus (nhà ống). 

Warum sind die meisten Häuser schlauchförmig, d.h. sehr schmal, dafür sehr tief? Die meisten haben eine Breite von 3 bis 5 Metern (es gibt sogar 1.2 m schmale). In der Tiefe sind sie aber 10 bis 20 m lang. Der Grund dafür ist, dass ursprünglich Steuern nach der Breite der Front erhoben wurden. In den 50er Jahren wurde das Land neu aufgeteilt, die Parzellenformen jedoch sind geblieben. 
(Ausschnitt © WebGIS TP.HCM)

Damit kommt man bis heute gut zurecht, denn es ist auch für die Wärmeregulierung optimal: Front und Rückseite mit Fenstern und Türen haben eine kleine Fläche, die fensterlosen Seitenwände isolieren. 
(Illustration © KIẾN TRÚC VIỆT NAM)

Die Räume sind generell hoch, meist 3 m oder mehr, manchmal auch gleich 5 m mit partiellem Zwischengeschoss. Das gibt Luft. Diese zirkuliert längs ("Durchzug"), vor allem aber durch das Treppenhaus nach oben, so auch in unserem Haus. 


Der Bau ist immer gleich: Stockwerk für Stockwerk werden zuerst die "Beine" aus armiertem Beton gegossen. 

Dazwischen werden dann die Seitenwände aufgemauert.

Darauf kommt ein Deckel aus Beton und es geht weiter mit der nächsten Etage oder der Dachterrasse. Am Schluss wird oft an die Front eine frei gestaltete Fassade angehängt. Einen Garten lassen die Platzverhältnisse meistens nicht zu. Dafür haben viele Häuser Dachterrassen, die dann mehr oder weniger üppig bepflanzt werden. 


Mittwoch, 18. Februar 2026

Und wenn mal nicht modernistisch? (Architektur Teil 5)

Wer heute etwas auf sich gibt, baut nicht mehr modernistisch, sondern barock. Oder ist es Rokoko, Renaissance oder Klassizismus? Egal, Hauptsache soviel Prunk und Schnörkel wie möglich:





Für die Spa-Firma Angel Beauty heisst das: alles in Gold!


(Letztes Bild © Angel Beauty)

Montag, 16. Februar 2026

Modernistische Architektur, Teil 4




Nicht nur öffentliche Bauten sind im modernistischen bis brutalistischen Stil. Man sagt, dass rund 60% aller privaten Wohnhäuser in Ho-Chi-Minh-Stadt mindestens einige Desingelemente davon aufweisen. Man muss nicht suchen, sondern nur die Augen öffnen. 




Nicht zuletzt gehört auch unser Haus dazu:


Die Bauvorschriften regeln nur Grundriss und Anzahl Stockwerke. Für Stil und Farbe hat man freien Lauf. 



Bezüglich Farbe macht es der Staat vor: Kindergärten und Primarschulhäuser sind oft sehr bunt:



Samstag, 14. Februar 2026

Modernistische Architektur, Teil 3

Modernismus und Brutalismus widerspiegeln sich auch in Monumenten. Ein soeben frisch renoviertes Beispiel ist der Schildkrötensee.


Heute ein Verkehrskreisel, hat er eine lange Geschichte: Im 18. Jahrhundert war hier ein Tor der 8-eckigen Zitadelle. Daran soll heute noch der 8-eckige Grundriss erinnern. 

(Bild: © Saigoneer)

Später stand hier der erste Wasserturm der Stadt. 1927 wurde an dessen Stelle ein Obelisk mit Broncestatuen errichtet. 1964 wurden diese durch rebellierende Studenten niedergerissen. 

(Bild: © Saigoneer)

1968 wurde der Schildkrötensee als Platz der alliierten Hilfe gebaut, mit der markanten modernistischen Lotusblume, die jedoch eigentlich 4 Hände symbolisiert. Daneben die Plattform und eine Stele für die 4 Alliierten von Südvietnam mit einer broncenen Schildkröte. 

(Bild: © Saigoneer)

Diese wie auch der Blütenstempel wurden 1976 "von Unbekannten" entfernt, die Erinnerung an die Republik Vietnam passte dem neuen Regime nicht.


Die aktuelle Renovation brachte viel Kritik ein, weil die Blüte gelb und die Treppe grün gestrichen wurden. Ihr Schöpfer hatte alles bewusst in Sichtbeton gehalten. Die Treppe wurde immerhin gleich wieder grau übermalt. Der ebenfalls kritisierte Blumenschmuck ist wohl auch nur temporär (bald ist Tết).


In einem anderen Kreisel steht dieses Denkmal, ganz im Stil des sozialistischen Brutalismus:



Freitag, 13. Februar 2026

Eine Träne für die Covid-Opfer

+++ breaking news +++
Mein Lieblings-Lost-Place (siehe Post vom 12.07.2024) wurde in nur 90 Tagen in einen wunderschönen Park umgestaltet, zum Gedenken an die 23'000 Menschen, die in Saigon an Covid-19 gestorben sind. Gestern Abend wurde die Anlage feierlich eröffnet.
Im Zentrum liegt ein rundes Wasserspiel mit einer spiegelnden Träne, darin eingelassen ein Herz. 


Am Eingang vom Kreisel her steht zunächst eine Gedenktafel mit einer Narbe.

Daneben einige Bilder über die Tragödie im Covid-Jahr 2021.

Doch was ist aus den sieben verlassenen Villen geworden? Drei davon wurden trotz Protesten abgerissen, ihr baulicher Zustand sei angeblich allzu schlecht gewesen. Auch einige alte Bäume mussten weichen. Die übrigen 4 Gebäude wurden jedoch einheitlich hübsch renoviert. Sie werden später für Ausstellungen und anderes genutzt. Schon jetzt enthalten sie luxuriöse (klimatisierte!) öffentliche Toiletten.




Dazwischen wurde mit Pavillons und üppiger Bepflanzung aufgefüllt.


Die abgerissenen Villen werden wohl bald vergessen sein, denn die Anlage wurde geschickt zu einem Ganzen zusammengefügt.

Das Ganze wurde pünktlich auf den Beginn des Jahres des Pferdes eröffnet. 

Nachts ist der Park übrigens beleuchtet, das Wasserspiel wird auch zur Light Show. Videos dazu auf YouTube:

Donnerstag, 12. Februar 2026

Modernistische Architektur, Teil 2

Zur architektonischen Moderne gehört immer auch Funktionalität. Im tropischen Klima von Saigon heisst das in erster Linie "wie halten wir die Hitze fern vom Gebäudeinneren?"

Eine gute Antwort liefert die medizinisch-pharmazeutische Universität. Auf den ersten Blick sind die Bauten nichts Besonderes, doch dahinter verbirgt sich ein geniales System der Wärmeregulierung:

Die meisten Gebäude auf dem Campus haben gar keine Aussenmauern. Die Räume sind allseitig von gedeckten Laubengängen umgeben.

Die meisten davon sind durch hunderte von gleichen Fertigelementen abgedeckt, welche dann eine Fassade bilden. Sie lassen die Luft zirkulieren, halten aber die Sonnenstrahlung fern. 

Verbindungen zwischen den Gebäuden sowie Treppenhäuser und Vorräume sind gedeckt aber allseitig offen.



Dazwischen gibt es auch Bäume und Wasserteiche, die zusätzlich kühlen. 

Gleich daneben ist die Hochschule für Sport in einem ganz anderen modernistischen Stil.